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Der Affe und der Fels

Ein Dialog.

Es ist ein frĂŒher Morgen im Wald. Das Licht bricht durch die Baumkronen und beleuchtet sanft den Nebel ĂŒber dem moosigen Boden. Einige HerbstblĂ€tter liegen schon am Boden und bedecken das Totholz. Zwischen den BĂ€umen ertönen rythmisch knusprige Schritte. Ein Fuß nach dem anderen schreitet durch das trockene Laub.

Ein Affe. Er lĂ€uft aufrecht. Er wirkt wach und ambitioniert. Er hat gerade eine Reise begonnen. Er bleibt stehen, vor ihm eine Felswand. Sie steht ihn im Weg, er muss klettern. Der Fels scheint glatt, wie vom fließenden Wasser geschliffen. Es gibt nur wenig Halt. Er blickt die Felswand hoch. Er blickt an sich herunter. Er sieht seine HĂ€nde und seine FĂŒĂŸe. Er schaut den Fels an.

“Guten Morgen” sagt der Fels. “Wer bist du?”

“Jemand, der da hoch will” - der Affe zeigt die Felswand hoch. “Darf ich?”.

“Warum eigentlich nicht, nur zu. Aber wĂ€hrend du mich bekletterst, verrate mir doch etwas ĂŒber dich. Wer bist du?”

Der Affe greift einen kleinen Vorsprung am Fels, winkelt sein rechtes Bein an und stĂ¶ĂŸt sich ab. Schnell ist er schon einen Meter hoch. “Wer ich bin? Ja das ist schwer zu sagen. Jeder kennt mich ein bisschen anders. Und in Gruppen bin ich nochmal anders. Und wenn ich alleine bin, auch. Jeder kennt eine andere Seite von mir. Und wenn mich dann jemand fragt, wer ich bin - weiß nicht. Welche Seite von mir möchtest du denn kennenlernen?”

“Die echte” sagt der Fels.

Der Affe tastet mit seinen Affenpranken die FelsoberflĂ€che ab. Er sucht Halt, findet ihr aber ob der glattgeschliffenen SteinoberflĂ€che nur schwerlich. Das Wasser muss dem Fels schon viel abgetragen haben. Wie rau und grob muss der Fels frĂŒher gewesen sein? Endlich findet er eine Stelle, die er greifen kann. “Persönlichkeit ist wie ein hundertseitiges PuzzlestĂŒck. Jede meiner Seiten ist echt. Zu sagen, jemand hĂ€tte nur eine ‘echte’ Seite, das wĂ€re unauthentisch. Affencharakter sind viel zu komplex fĂŒr solch eine Reduktion. Selbst wenn ich alleine bin, Ă€ndern sich meine GedankengĂ€nge und Handlungen je nach GefĂŒhlslage und Tagesform. Und jeder verĂ€ndert sich im Laufe seines Lebens durch neue Erfahrungen. Die Frage ‘wer bist du’ ist allerhöchstens eine Momentaufnahme, die nur jetzt und nur heute gilt. Morgen könnte ich hungrig sein - wĂŒrdest du mich morgen erst kennenlernen, dann wĂŒrdest du mich als griesgrĂ€migen Grummelaffen kennenlernen. Meine Persönlichkeit nichts weiter als eine Amalgamation aus allen BĂŒchern, die ich je gelesen habe, aus allen Liedern, die ich je gehört habe, aus jeder Begegnung, die ich je erlebt habe, aus jedem GesprĂ€ch, das ich je gefĂŒhrt habe, aus jedem Blick, aus jeder BerĂŒhrung, aus jedem Duft, jeder Windstoß, jedem Sonnenstrahl. Was hat es ĂŒberhaupt fĂŒr einen Zweck, mich nach meinem Wesen zu fragen, wenn unsere Begegnung voraussichtlich nur von kurzer Dauer ist und selbst angeblich bestĂ€ndige Merkmale wie Persönlichkeit ebenso nur von kurzer Dauer sind? Eher kommen die Planeten wieder in Konstellation, ehe wir uns so wie wir sind wieder treffen.”

Der Fels denkt nach. Der Fels hat niemals BĂŒcher gelesen, hat niemals Lieder gehört, ist nur wenigen begegnet. Hat er etwa weniger Persönlichkeit? Mittlerweile ist der Affe fast oben angekommen. “Vorsicht, vor dir befindet sich ein Riss in mir. Eine alte Erosion. Klettere links herum und halte dich an der Wurzel fest. FrĂŒher wuchs hier am Hang ein Baum. Er ist schon lange nicht mehr da, aber die Wurzel steckt noch fest.”

“Danke”, sagt der Affe, greift nach der Wurzel, und zieht sich den letzten Meter hoch. Er steht jetzt auf der Felswand und schaut runter. “Ganz schön hoch”, kommentiert der Affe. Er steht jetzt gleichauf mit den Baumwipfeln. Die Sonne steht hinter ihm, er sieht seinen eigenen Schatten in der Ferne auf dem Boden, den er gerade hinter sich gelassen hat. “Vielen Dank, was fĂŒr ein faszinierendes GesprĂ€ch. Ich habe viel ĂŒber dich gelernt.”

Der Fels ist verwundert. Er hatte doch fast nichts gesagt, wie kann der Affe dann behaupten, etwas ĂŒber ihn gelernt zu haben?

Als wĂŒrde der Affe seine Gedanken lesen können, beantwortet er die Zweifel des Felsen: “Mein Lieber. Selbst mit den wenigen Worten, die du zu mir gesprochen hast, habe ich ĂŒber deine aufrichtige Neugier und deine gĂŒtige Hilfsbereitschaft gelernt. Und das ist nur ein Bruchteil von dem, was ich ĂŒber dich gelernt habe. Jeder Zentimeter deiner felsigen Vertikale erzĂ€hlt tausende Jahre Geschichte, jeder auf dir lebende KĂ€fer könnte ein Buch ĂŒber dich als seine Heimat schreiben, die Farben deiner Gesteinsschichten erzĂ€hlen viel ĂŒber deine Zusammensetzung. Selbst wenn du ewig schweigen wĂŒrdest, könntest du nie ungesehen bleiben. In unserer kurzen Zeit hast du mir wortlos viel ĂŒber dich erzĂ€hlt.

“Da hast du nicht unrecht” entgegnet der Fels.

Und so schreitet der Affe fort. Die beiden werden sich nie wieder begegnen, denn der Affe ist nicht mehr derselbe Affe, und der Fels ist nicht mehr derselbe Fels.

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